Univ.-Prof. Dr. Dr. Jörg W. Ziegenspeck

 

"Die Gründung des Sail-Together e.V. setzt innovative Akzente im Bereich des pädagogischen Segelns. Die Aktualität dieses erlebnispädagogischen Mediums ist ungebrochen. Das Segeln mit überschaubaren Gruppen dient nachweisbar der Persönlichkeitsförderung. An Bord von kleinen und großen Schiffen wird dem sozialen Lernen durch Teamwork und Seemannschaft zentrale Aufmerksamkeit geschenkt. Jeder hat die Chance, seine Interessen und individuellen Möglichkeiten einzubringen und dadurch die Gemeinschaft zu bereichern und das Unternehmen zu fördern. Jedes Crewmitglied muß sich aber auch den Erfordernissen an und unter Deck unterordnen. Schiff und See, Kurs und Natur fordern alle geistigen, physischen und psychischen Kräfte heraus. Die Bereitschaft zur Ein- und Unterordnung ist zwingend geboten, um allen Sicherheitsstandards zu entsprechen. Leben, Lernen und Arbeiten an Bord gehören zum ganzheitlichen Ansatz, wie er in der Erlebnispädagogik betont wird.
Es wird kaum verwundern, dass es gerade das Segeln war, das der Erlebnispädagogik als frühes Tätigkeitsfeld diente und ihr bis heute Profil verleiht. So nutzte der Reformpädagoge Kurt Hahn bereits Anfang der 40er Jahre in England ein großes Segelschiff ("Garibaldi"), um den Erfahrungsschatz seiner erlebnispädagogischen Kurse in den ersten "Short Term Schools" (in Deutschland hießen sie später "Kurzschulen") anzureichern. In dieser Zeit wurde der aus der englischen Seefahrt stammende Begriff "Outward Bound" geprägt: ein Schiff kann - zu großer Fahrt ausgerüstet und bereit - auslaufen. Dieses Bild wurde von Kurt Hahn auf Anregung eines englischen Reeders in die Pädagogik übertragen: der junge Mensch, der die Kindheit hinter sich gebracht hat und auf der Schwelle zum Erwachsensein steht, soll auf eine aktive und verantwortungsbewusste Lebensführung vorbereitet werden - eben auf seine "Fahrt ins Leben".
Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte man in der Bundesrepublik Deutschland an diesen frühen Erfahrungen an, als die beiden frachtfahrenden Großsegler - "Pamir" und "Passat" - wieder in Fahrt gestellt wurden. Auf den ersten Reisen befanden sich Jungen an Bord, die nach Outward Bound-Gesichtspunkten vorbereitet und mit dem Prinzip von Kurt Hahn vertraut gemacht worden waren: "Erziehung zur Verantwortung durch Übertragung konkreter Verantwortung in Ernstsituationen".
Namen von zahlreichen Schiffen - z.B. "Outlaw", "Thor Heyerdahl", "Zuversicht", "Nostra", "Undine" - stehen für die Weiterführung dieser Tradition und Ausformulierung von erlebnispädagogischen Grundsätzen, Zielen und Methoden.
Nun begibt sich das bemerkenswerte Projekt des Sail-Together e.V. ebenfalls in dies geschichtsträchtige und erlebnisorientierte Fahrwasser. Auf den zwei Rümpfen des hochseetauglichen Segelkatamarans, ausgerüstet mit modernster Navigations- und Sicherheitstechnik, wird das Segeln im Bereich der Integrationsarbeit mit jungen Menschen mit und ohne Behinderung möglich gemacht, sinnvoll eingesetzt und dann hoffentlich auch zum prägenden Erfahrungsgewinn für die Beteiligten.
Den Organisatoren ist Weitblick mit Augenmaß zu wünschen, der Crew professionelles Handeln und ein hohes Maß an Verantwortung, den Teilnehmern reiche Erträge für persönliches, soziales und handwerkliches Handeln (über das Bordleben hinaus) und dem Schiff allzeit gute Fahrt, beständige Winde von der richtigen Seite und stets die berühmte Handbreit Wasser unter den Rümpfen!"
Ihr Prof. Dr. phil. Joerg Ziegenspeck
Leiter des Instituts fuer Erlebnispädagogik an der Universität Lüneburg

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